Sie hatten sich lange nicht mehr gesehen, als sich an diesem Abend plötzlich ihre Blicke trafen. Niemandem von beiden war mehr klar, wer überhaupt für was noch die Verantwortung zu tragen hatte. Soviel hatte zwischen ihnen gestanden, soviel war ungesagt geblieben. Doch in diesem Moment erstarrte das Leben. Es ging nur noch um sie beide.

Er wollte sich abwenden, konnte nicht. Sie wollte fliehen, konnte nicht. Sie waren allein und hörten nur noch auf ihr Herz. Langsam schritt er auf sie zu und blieb unmittelbar vor ihr stehen. Ohne eine Spur von Nervosität sagte er: „Ich habe den Schmerz überwunden.“ Sie nickte zaghaft. „Die Wut, die Enttäuschung, es ist vorbei. Du warst ein Engel für mich. Das habe ich begriffen.“ Ihr lieblicher Duft hüllte sich ein letztes Mal um ihn, sanft küsste er sie auf die Stirn: „Wir treffen laufend welche, manchmal ganz Besondere. Sie weisen uns den Weg und führen uns zu uns selbst.“
Dann trat er einen Schritt zurück und lächelte friedlich. Die Wut. Die Enttäuschung. Der Schmerz. Es war vorbei. Ihre Blicke ruhten noch ineinander, als er sich bereits umwandte und über die Straße ging. Sie wollte etwas rufen, ihre Hand nach ihm ausstrecken, aber sie wußte es so gut wie er: alles war diesmal schon zu spät…

Vom heranrasenden Auto hatte sie nur den Windstoß gespürt und gleich gefühlt, wie er alles davon getragen hatte. Vorsichtig blinzelte sie, und trotz der Dunkelheit erschien ihr auf einmal alles heller als zuvor. Das Auto war weg, er auch. Sie hatte begriffen.

angels edit 8 / 2012

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